Feinstaubstudie mit groben Mängeln
Diskussion über Ursachen der Feinstaubbelastungen basiert oft auf Fehlinformation
>> Ökoenergie-Artikel "Holheizungen: Dreckschleudern oder Klimaretter?"
Anfang des Jahres 2007 sorgte eine von Tiroler Ärzten in Auftrag gegebene Studie über durch Holzheizungen verursachte Feinstaubbelastung im Inntal für großes Medienecho. Im Rahmen einer Pressekonferenz warnte Heinz Fuchsig, Umweltreferent der Tiroler Ärztekammer davor, dass bis zu 50 Sterbefälle zusätzlich zu erwarten seien, würde man Ölheizungen durch Holzheizungen ersetzen. Schon eine Woche später widerrief Fuchsig: „Man ist nicht von der neuesten Technologie ausgegangen.“ Holz sei, so Fuchsig, wenn es sauber verbrannt wird, keine Bedrohung für die Gesundheit. Wie bei jeder anderen Verleumdungskampagne auch bleibt aber etwas Negatives hängen, keine noch so seriöse Richtigstellung kann das verhindern.
„Derzeit findet eine Diskussion über die Feinstaubemissionen von Pelletsheizungen statt, die wissenschaftlich belegte Fakten schlicht und einfach ignoriert. Die zum Teil unkritische Übernahme falscher Informationen droht der österreichischen Pelletswirtschaft mit ihren internationalen Erfolgen zu Lasten des Umwelt- und Klimaschutzes nachhaltig zu schaden“, zeigte sich Christian Rakos, Geschäftsführer von proPellets Austria wenig begeistert.
Josef Hechenbichler, Umweltsprecher der ÖVP und Tiroler Landtagsabgeordneter, fragte sich in einer Aussendung, ob die Tiroler Ärzteschaft bei der Studie über das angebliche Gesundheitsrisiko von Holzheizungen nicht gar im Dienste der Öllobby aktiv wäre. Es stimme zwar, dass ältere Holzöfen problematisch seien, insbesondere wenn sie auch noch als „private Müllverbrennungsanlagen“ missbraucht würden, moderne, handelsübliche Holzheizungen seien aber eine durchwegs saubere Sache.
Die Experten Ingwald Obernberger und Thomas Brunner von der Technischen Universität Graz geben in ihrer wissenschaftlichen Stellungnahme zu besagter Studie Hechenberger und Rakos Recht. Darin heißt es einleitend, dass die Studie zahlreiche augenscheinliche Schwächen aufweise, die nicht nur Details, sondern auch die Grundaussage wesentlich verfälschen. So etwa heißt es bei Oberberger und Brunner bezüglich der Bewertung von Pelletsfeuerungen: „Der in der gegenständlichen Studie angesetzte Emissionsfaktor für Feinstaub von 30 Kilogramm je Terrjoule liegt 50 Prozent über dem durch aktuelle wissenschaftliche Studien belegten realen Emissionsfaktor für moderne automatische Pelletsfeuerungen, wobei zusätzlich damit zu rechnen ist, dass die Feinstaubemissionen dieser Anlagen durch deren Weiterentwicklung weiter sinken werden.“
Bei den Emissionsdaten für Hackgut- und Stückholzfeuerungen entdecken die Grazer Wissenschafter (die exakte Stellungnahme ist im Anschluss an diesen Artikel abrufbar), dass die Emissionsdaten der untersuchten veralteten Heizanlagen die aktuellen tatsächlichen Werte um bis zu 120 Prozent überschreiten. Die Emissionsfaktoren für Feinstaub werden laut Obernberger daher wie bei Pelletsfeuerungen um 50 Prozent überbewertet.
Geradezu absurd wird es dann, wenn es um das Entwickeln von Szenarien für das Jahr 2015 geht und dafür Daten verwendet werden, die schon im Jahr 2006 veraltert sind und darüber hinaus keinerlei technische Weiterentwicklungen Berücksichtigung finden. An den Autoren der Studie über die angeblichen gesundheitlichen Belastungen von Holzheizungen ist sogar spurlos vorübergegangen, dass es so etwas wie einen Boom bei der Installierung von Pelletsheizungen gegeben hat und immer noch gibt. Bezüglich der eingesetzten Brennstoffe geht man nämlich von 50 Prozent Stückholz, 40 Prozent Hackgut und zehn Prozent Pellets aus. Bereits im Vorjahr lag die Anlagenaufteilung erwiesenermaßen sowohl in Österreich als auch in Tirol bei je einem Drittel. Obernberger und Brunner werfen der Studie aber nicht bloß die Verwendung irrelevanter Basisdaten, sondern auch ungenügendes Wissen über die chemischen Charakteristika von Feinstaubemissionen aus modernen Biomasse-Heizanlagen vor.
Die Auftraggeber der Studie „Ärztinnen und Ärzte für eine gesunde Umwelt“ haben sich, wie bereits eingangs erwähnt, längst distanziert. Weiterhin Öl ins Feuer gießt naturgemäß im wahrsten Sinne des Wortes das Institut für wirtschaftliche Ölheizung, kurz IWO. Geschäftsführer Martin Reichard in einer Aussendung: „Den emissionsfreien, kostenlosen und unendlich verfügbaren Energieträger gibt es nicht, das wissen alle.“ Nach Ansicht des IWO-Österreich sei es dringender denn je geboten, die Heizsysteme nicht nach Einzelaspekten zu bewerten, sondern aufgrund einer ganzheitlichen Analyse nüchtern abzuwägen. Welche Einzelaspekte nach Ansicht des IWO konkret zu vernachlässigen wären und was unter ganzheitlich zu verstehen ist, bleibt in der Aussendung offen. Als Argumente, die für Heizöl sprechen, nennt Reichard die geringen Emissionen an klassischen Luftschadstoffen, die Reduktion des Energieverbrauches bei neuen Ölheizungen gegenüber alten um bis zu 40 Prozent sowie die Versorgungssicherheit mit dem Energieträger Öl.
Einig sind sich Christian Rakos von proPellets, Martin Reichard vom IWO und Ingwald Obernberger von der TU Graz darin, dass es dringend erforderlich ist, ein umfassendes Forschungsprojekt für Österreich zu starten, das auf aktuellen Daten basierend gesicherte und fundierte Aussagen liefern kann. Obernberger kündigt dazu an, dass seine Universität an einem europäischen Kooperationsprojekt beteiligt sei, das dieses Informationsmanko beheben solle. Der Start dazu erfolge im Sommer 2007, die Vorarbeiten dafür seien voll im Gange.
Doris Hofbauer
Ökonergie Nr. 66, März 2007
>> Stellungnahme zu "Forcierung von Holzheizungen im Inntal"
Hier steht die Stellungnahme der TU Graz sowie des Austrian Bioenergy Centre (ABC) zum Endbericht des Projekts "Forcierung von Holzheizungen im Inntal" als Download zur Verfügung.
Autoren:
Prof. Univ-Doz. Dipl.-Ing. Dr. techn. Ingwald Obernberger
Dipl.-ing. Dr. Thomas Brunner





